Freitag, 11. Mai 2012

Noch mal Leben - acht Jahre danach

Wer regelmäßig Ausstellungen besucht, kennt dies: an so manche erinnert man sich mitunter bereits nach einigen Wochen gar nicht mehr genau. Aber auch das Gegenteil passiert: an eine sehr außergewöhnliche Exposition erinnert man sich noch nach zahlreichen Jahren.

Es war Herbst 2004, als im Deutschen Hygienemuseum Dresden die Ausstellung "Noch mal leben" gezeigt wurde. Großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien von Walter Schels, die kurze Zeit vor und unmittelbar nach dem Tod der Porträtierten entstanden. Bildbegleitend berichtet Beate Lakotta von den Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen der Sterbenden und lässt sie noch einmal zu Wort kommen.

In den Folgejahren habe ich das darauf basierende Buch mehrfach verschenkt. Zur Irritation manch Beschenkter.

Acht Jahre später muss ich schonungslos konstatieren: bis heute habe ich keine ähnlich intensive Ausstellung zu Gesicht bekommen. Allen Anschein nach ist dies für mich die Ausstellung der Dekade. Das sage ich wertschätzend, aber auch hoffnungsvoll, denn ich hoffe auf neues Großes.

Da bis dahin noch etwas Wasser die Elbe hinab fließen wird, überbrücke ich die Zeit mit etwas längst Überfälligem: dem Kauf oben erwähnten Buches. Nun endlich und endgültig mal für den Eigenbedarf!

Sonntag, 6. Mai 2012

Herlinde Koelbl - Kleider machen Leute

Herlinde Koelbl wird seit Jahren oft als eine der renommiertesten deutschen Fotografinnen gehandelt. Was mir selbst immer irgendwie suspekt war, denn so richtig außergewöhnlich fand ich ihre Arbeiten bislang nie. Was wiederum vielleicht daran liegen mag, dass ihre seriellen Fotoarbeiten nahezu immer ein "Sammeln" sind. Solides Handwerk plus langer Atem plus stringente Wiederholung. Zweifellos sicher auch noch mit Überzeugungskraft und Überredungskunst im Vorhinein. Was mir aber immer fehlt: etwas Phantasie, etwas Imaginäres in den Bildern resp. Serien. Okay, das hatten die Bechers auch nie ... :-) Vielleicht war das Koelbl'sche "Haare"-Projekt da schon fast mal 'ne kleine Ausnahme ...

Auch in ihrem neusten Ausstellungs- und Buchprojekt "Kleider machen Leute" bleibt sich Frau Koelbl treu. Siebzig Menschen in ihren Standes- oder Berufsbekleidungen und die selbigen siebzig Menschen in Freizeitkleidung gegenüber gestellt. Klingt erst mal nicht sonderlich spannend ...

Seit vorgestern ist diese Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum Dresden zu sehen. Für mich Anlass, dort heute einmal vorbei zuschauen.

Ich fange gleich mit dem Fazit an: die Ausstellung ist sehenswert! Keine innovative Fotografie (das hatte ich auch nicht erwartet), aber gute Portraitfotografie. Befremdlich dabei jedoch: die mitunter perspektivischen Verzerrungen. Koelbl hat erkennbar bei allen Aufnahmen die Kamera in Kopfhöhe positioniert und dann - Scheimpflug sei Dank - Objektiv- und Sensor(Film?)ebene verschwenkt. Was bei den kleinformatigen Bildern (und damit auch im Buch) kaum negativ auffällt, aber sobald man vor großformatigen Prints steht, zum Teil sehr bizarr wirkt. Die wirkliche (und unerwartete) Stärke der Ausstellung liegt jedoch in den kurzen Begleitzitaten zu den Bildpaaren. Erst durch diese erkennt man ein wirkliches Stück von den abgelichteten Charakteren. Ein - wie ich fand - sehr intensives Menschenentdecken, zuweilen auch Enttarnen.

Überraschendes am Ende der Ausstellung: Hier kann man sich selbst in diverse Uniformen begeben und ablichten lassen. Für die einen ein Gag, für manche aber auch die Möglichkeit der Selbstreflexion.

Die Ausstellung wird in Dresden noch bis 29. Juli gezeigt.

Montag, 30. April 2012

Pachelbel-Tag

Heute mal nix über Fotografie, sondern über Musik. Wenn auch wiederum das Thema indirekt durch die vorgestern von mir fotografisch begleitete Hochzeit von Freunden motiviert wurde. Aber mal ganz langsam und der Reihe nach ... ;-)

Irgendwie hat mich die eben erwähnte Hochzeit daran erinnert, dass ich eigentlich schon seit einer kleinen Ewigkeit mein absolutes Orgel-Lieblingsstück - Pachelbels Kanon - nicht mehr auf einer Kirchenorgel gehört habe. Was dem einen oder anderen ein deutliches Indiz sein wird, dass ich wirklich nur seltenst mal 'ne Hochzeit fotografiere. Denn "richtige" Hochzeitsfotografen werden's wiederum nicht mehr hören können ... :-)

Auch wenn es heute zahllose Rock-Adaptionen etc. von diesem guten Stück gibt - es ist nun schließlich mal für Orgel geschrieben worden und wenn die Orgel dann ordentlich Register hat und der Organist gute Laune - das kann dann schon gewaltig grooven!

Deswegen habe ich mich heute mal entspannt und neugierig im WWW herumtreiben lassen, ob ich da was klanglich Hübsches nach meinen Vorstellungen finde. Wie erwartet gibt es Millionen verschiedene Versionen - eine wirklich exzellente Orgelversion hab ich dabei leider nicht gefunden. Aber dafür einige andere überraschende Variationen, die durchaus ebenfalls sehr sehens- wie hörenswert sind.

1. Die anspruchsvolle Barkeeper-Version
http://www.youtube.com/watch?v=UGftsRH7A2w&feature=related

2. Die bluesige Parkbank-Version (auch genial fotografiert)
http://www.youtube.com/watch?v=YjHxzPw-ZH4&feature=related

3. Die unerwartete Wolf-im-Schafspelz-Version
http://www.youtube.com/watch?v=D9vGujQxLiI&feature=related

4. Die sympathisch-minimalistische Treppenhaus-Version
http://www.youtube.com/watch?v=Hi9LbamkhvU&feature=related

Resümee: Nun ja - die letzten Stunden ertappe ich mich andauernd beim Summen und Pfeifen einer ganz bestimmten Melodie ... :-D

Montag, 16. April 2012

Die neue Ödnis der Fotografie

Die vergangenen Tage habe ich sehr viel reflektiert und diskutiert. Über Fotografie im Hier und im Jetzt. Und dessen Quintessenz heute eigentlich in diesem Blogbeitrag enden sollte.

Vor Jahren habe ich, hauptsächlich mitleidig, über "12,7-Millionen-Graustufen-Fineart-Prints" mit ohne Bildaussage den Kopf geschüttelt. Später habe ich mich reichlich über glattgebügelte, zerphotoshoppte Portraits und effekthascherische (aber leider völlig aussagefreie) Composings echauffiert. Darauf folgte der unsägliche und all zu oft nur schmerzhafte HDR-Hype. Immer wieder das alte Dilemma neu verpackt: Fotografie im Zeichen des Effektes - aber ohne substanzielle Bildaussage.

All dies hat in den letzten ein, zwei Jahren eine neue, eine noch schlimmere Qualität erreicht. Darüber wollte ich hier eigentlich schreiben. Ich schreibe deshalb "wollte", weil ich heute in meinem Google+-Stream einen Link fand. Einen Link, der genau das, was von mir geschrieben werden wollte, bereits beinhaltete. Darum folge meiner Einladung, und ließ hier weiter.

Dienstag, 10. April 2012

Dark Stories - ein kurzes Bilderfilmchen

Schon vor einigen Monaten bin ich auf ein kleines Programm namens PhotoFilmStrip aufmerksam geworden. Und den ruhigen Ostertagen sei Dank - zu nächtlicher Stunde habe ich mir endlich mal ein klein wenig Zeit genommen, ein bissel damit herum zu spielen. Herausgekommen ist dabei dieses kurze Testfilmchen mit feinster Eigenwerbung, welches ich bereits vor knapp zwei Tagen bei Google+ gepostet habe:

dark-stories

Dienstag, 3. April 2012

Fotograf = Kinderficker

Gestern Abend war ich hochgradig stinkig. Und dazu kam es, als ich mich durch meinen Google+-Stream las. Darin schrieb Johannes Kick, ein engagierter Street-Fotograf aus meiner näheren Umgebung, dass er vor wenigen Tagen, umittelbar nachdem er eine Frau mit Kinderwagen fotografiert hat, von einem in der Nähe stehenden Passanten als Arschloch und Kinderficker beschimpft und angegangen wurde. Erklärungsversuche verpufften und nur das verbale Einwirken eines Dritten konnte die Situation etwas beruhigen.

Johannes hat das Bild gepostet, um welches es hierbei ging. Man sieht darauf eine eher wenig attraktive Frau mit einem planenverhüllten Kinderwagen von der Seite. Wie ein Kommentator sehr trefflich schrieb: in dem Kinderwagen könnte sich durchaus auch ein Kasten Bier befunden haben.

Wie degeneriert und krank ist die Gesellschaft?! Diese Frage halte für gerechtfertigt, denn die erlebte Situation ist kein Einzelfall. Auch ich hatte vor gar nicht so langer Zeit mal zufällig einer solchen beiwohnen können, als ein Fotograf ganz unverfänglich ein spielendes Kind fotografieren wollte und die Mutter daraufhin dies hysterisch aus dem Spielen riss und mit ihm - welches gar nicht verstand, was da gerade abging - schimpfend davonrannte. Wenn das Kind hier mal nicht von der eigenen Mutter nachhaltig traumatisiert wurde ... Nun, fast jeder Pressefotograf kann dazu mittlerweile leider ähnlich Unglaubliches berichten.

Nahezu plakativ in diesem Kontext ist auch der - für sich selbst sprechende - Aufruf zu Lynchjustiz vor wenigen Tagen gegen einen (wie kurze Zeit später bekannt wurde, UNSCHULDIGEN!) 17-Jährigen, als dieser irrtümlich von der Polizei kurzzeitig als Tatverdächtiger zu einem sexuell motivierten Mord an einer 11-Jährigen festgenommen wurde. Ich hoffe, dass hier Ermittlungsbehörden schonungslos ermitteln und Gerichte in Folge ein deutliches Zeichen setzen.

Scheinbar grenzdebile Hysterie und bodenlose Paranoia allerorts. BILD, RTL ... und all die anderen Auflagenhöhen- und Einschaltquoten-geilen Medien haben wohl über Jahre erfolgreich Hirne zersetzt.

Es liegt mir fern, Kindesmissbrauch auch nur im entferntesten zu verharmlosen! Man sollte jedoch - bei allen damit einhergehenden Widerwertigkeiten - den Bezug zur Realität behalten. Und diese Realität ist um vieles nüchterner:

1.Padophilie ist nun wirklich kein Phänomen der Neuzeit, dies gab es immer - und wird es auch immer geben.

2. Laut seriöser Statistik haben registrierte Fälle von Kindesmissbrauch in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich - und das in überraschenden Größenordnungen - abgenommen.

3. Ebenfalls seriöse Statistik und nicht minder interessant: in ca. 75% der Fälle sind Opfer und Täter miteinander bekannt, nicht selten sogar VERWANDT.

4. Und da wir gerade bei Statistiken sind: es kommen - über den Daumen - etwa 50x mehr Kinder durch diverse Unfälle Jahr für Jahr ums Leben, verglichen mit den Fällen von Kindesmissbrauch. Nun stellen wir uns einfach mal vor, Medien würden proportional zu den Kindesmissbrauchfällen davon berichten. Jeden Tag die BILD voll mit ertrunkenen, strangulierten, überfahrenen, vergifteten Kindern? Würden elterliche Paranoia und Hysterie ebenfalls um Faktor 50 steigen?

Ich habe allergrößten Respekt vor all den Fotografen, die unter diesen Bedingungen noch willens sind, unbekümmert vertieft spielende Kinder mit all ihren unverstellten Emotionen zu fotografieren. Ich kann und will es bereits seit einigen Jahren nicht mehr.

Und bitte nun ein bissel drüber nachdenken ...

Sonntag, 25. März 2012

Nun ist's passiert: Ich bin "Google-Plusser"

Ja, es hat lange gedauert, verdammt lange. Auf andere wirkte es bisweilen so, als ob ich bis vor einigen Tagen den Anschluss an das "Soziale-Netzwerk-Zeugs" kompromisslos ablehne, ihn sogar total verschlafen habe. Ja, ein Fünkchen davon ist sicher dran. Sorry, WAR dran. :-) Seit einigen Tagen habe ich auf Google+ ein Profil.

Eine Anmeldung bei Facebook wäre bei Lichte betrachtet logischer gewesen. So ziemlich alle, die ich kenne, sind bereits da. Aber ich achte weniger aufs Licht, sondern - wie jeder Fotograf - ganz besonders auf die Schatten. Und diese gibt es leider bei Facebook zuhauf. Andauernd neu, andauernd wechselnd, andauernd aufs Neue erschreckend.

Natürlich ist auch Google ein notorischer Datensammler und -verkäufer, da mache ich mir gar nix vor. Aber all die Jahre, in denen ich Google wie Facebook passiv beobachtet habe, kam und komme ich immer wieder zu dem Eindruck, dass Google den Datenschutz deutlich mehr Beachtung zukommen lässt und den Nutzer mit seinen diesbezüglichen Befindlichkeiten ernster nimmt. Wohlgemerkt: ganz subjektiv gesehen. Das Zuckerbergsche Imperium glänzte dagegen in steter Regelmäßigkeit mit Ignoranz, Verschleierung und immer öfter mit diktatorischem Habitus. Auch ganz subjektiv gesehen. Im Hause Google, obwohl nicht minder profitgesteuert, sieht man sich scheinbar dann doch etwas mehr als verantwortungsvoller Dienstleister. Auch nicht immer, aber gefühlt öfter.

Dass Google+ im Moment noch(!) nicht so viele Nutzer wie Facebook hat, ist nicht zum Jubeln, aber auch nicht verwunderlich. Nach gerade erst einem guten halben Jahr im Netz wäre alles andere Hexerei. Die nackten Zahlen sagen aber: Google+ ist das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk der Web-Geschichte (siehe hier). Das stimmt zuversichtlich. Bisweilen hatte ich die letzten Tage sogar das Empfinden, dass der derzeitige Zustand bezüglich des noch nicht so trivialisierten Contents sogar eine spürbare Bereicherung darstellt, denn die inhaltsverflachende Mainstream-Masse ist noch nicht da. Aber auch das wird schneller Geschichte sein, als ich es mir wünschen und vorstellen kann.

Schauen wir einfach mal, wie's mit dieser Geschichte weitergeht.

Mittwoch, 21. März 2012

Up'n'Down

© Ulli Gabsch - Lochkamerafotografie, 2012
© Ulli Gabsch, "UP'N'DOWN" (Lochkamera-Fotografie), 2012