Nun ist dies ja bekanntlich ein Blog mit Schwerpunkt Fotografie - aber nun keinesfalls sklavisch. Und daher heute mal wieder etwas Kernthemenferneres.
Möglicherweise hat es irgend jemand im vergangenen Jahr beiläufig registriert: die Jugendherbergen dieser Welt feierten ihr 100-Jähriges. Was aber eigentlich überhaupt nichts damit zu tun hat, dass ich, bekanntlich 41-jährig, mir Anfang des Jahres einen alten Jugendtraum erfüllt habe und tatsächlich noch in bestem Teenie-Papa-Alter Mitglied in eben dieser Vereinigung wurde. Die Gründe waren zugegeben eher von pragmatischer, als von idealistischer oder sonstiger Natur. Also kein Revival einer hinter mir gelassenen Jugend war treibende Motivation, sondern: preiswerte Urlaube in deutschen Städten im Jahre 2010. Wobei “preiswert” zugegeben irgendwo kurzsichtige Selbsttäuschung war, denn wenn man über 27 Jahre alt ist und somit den “Seniorenzuschlag” zahlen muss, dann könnte man eigentlich auch, wahrscheinlich sogar sehr erfolgversprechend, nach preiswerteren Hostel- oder auch Hotelzimmern Ausschau halten; und das erst recht, wenn man mehrköpfig unterwegs ist.
In den vergangenen Monaten lernte ich somit aus eben genannter Motivation in der Summe für zweieinhalb Wochen die Jugendherbergen von Fulda, Potsdam und Erfurt kennen. Und ich war überrascht. Denn warum Jugendherbergen “JUGEND-Herbergen” heißen, war für mich nur in Potsdam erlebbar. Da sorgten bis zu drei Schulklassen parallel für lebhafte Kicher-Nächte und tagsüber für satt-dröhnende Basketball-Bälle auf akustisch eher suboptimalen Asphalt. Gestört hat’s mich nicht. Eher hat es mich gewundert, dass, dazu im Vergleich, in Fulda und Erfurt ich mich beinahe schon zu den jüngeren Gästen zählen konnte. Beim Frühstück hatte ich dort, neben einigen jungen Familien, eher Altherrenchöre und aktive Frührentnerehepaare im Blickradius. Ist doch irgendwie herrlich, wie jung man sich gelegentlich als 41-Jähriger noch fühlen kann!
Apropos Frühstück. Hier kollidierten Welten. Waren in Potsdam Reichhaltigkeit in der Auswahl, Qualität im Angebot und Liebe in der Zubereitung allgegenwärtig, so brillierte Erfurts Küche mit trister Einfallslosigkeit, klosterähnlicher Kargheit und appetitzügelndem Ambiente. In letztgenannter Herberge hat man sich scheinbar berühmt-berüchtigte Londoner 2-Sterne-Hotels zum zweifelhaften Maßstab gemacht. Was konsequenterweise dazu motivierte, nach einmaligem dortigen Frühstücken die folgenden 6 Tage lieber des Morgens den Bäcker einige Straßen weiter zu besuchen. Damit entging ich erfolgreich drohenden Depressionen.
Nicht nur Mahlzeiten können das Wohlbefinden in einer Herberge fördern, auch Zimmerqualitäten können wesentlich dazu beitragen. Was sich jedoch scheinbar in den letzten reichlich 100 Jahren doch noch nicht bis in die letzte Jugendherberge herumgesprochen hat. So offerierte man uns in Erfurt ein Zimmer im Altbautrakt, in welchem Wohlfühlen scheinbar mit allen Mitteln gefälligst zu unterbleiben hatte. Zimmer und Bad in der Fläche beengt, die Wände völlig kahl und sichtlich abgewohnt, das Fenster nur noch ankippbar, schnödeste Büro-Leuchtstoffröhren an der Decke und ein Mobiliar, welches jedes (wirklich jedes!) Sozialkaufhaus als kostenlose Spende rigoros (und mitleidig lächelnd) abgelehnt hätte. Hierin offenbarte sich für uns dann auch die Rettung, denn die Bettgestelle waren dermaßen aus dem Leim, dass wir nach Reklamation das Zimmer wechseln konnten. Da nun im benachbarten Neubau untergebracht, war auch die Zimmerqualität erkennbar besser. Aber anderseits immer noch weit, weit weg von perfekt, was nicht unwesentlich an der vorgefunden Sauberkeit lag (man ahnt gar nicht, welch modrigen Siff man unerwartet gegenüber stehen kann, wenn man mal zufällig – so wie ich - einen Hygieneeimer im Bad von unten betrachtet). Dass es Jugendherbergen auch anders können, zeigten Potsdam und Fulda. Insbesondere letztgenannte Herberge bot unerwartet geschmackvolle und zudem sehr saubere Zimmer mit praktischen und auffallend wertigen Mobiliar. Und nahezu dekadenten Luxus, denn Dusche und WC waren in getrennten(!) Räumlichkeiten untergebracht. Welches Hotel hat das eigentlich?
Der kritischen Vergleiche und Wertungen soll es an dieser Stelle genug sein, obwohl ich unheimlich gern noch einiges … egal, ich würde sicher langweilen. Vielleicht nur noch so viel: Bei einem ein- oder zweitägigen Aufenthalt wird man es nicht missen, bei einem einwöchigen Aufenthalt früher oder später aber dann doch irgendwann: die Reinigung von Zimmer und/oder Bad. Da es bekanntlich keine hotelähnliche tägliche Reinigung resp. Zimmerservice gibt, ist naheliegenderweise Eigeninitiative gefragt. Was ja kein Problem darstellen sollte, wenn Lappen und Haushaltchemie vorhanden wären. Fehlanzeige, denn in den Gängen hängen wiederum nur Schaufel und Besen. Liebe Jugendherbergen: das ist einfach zu wenig, um sich nach einigen Tagen noch im Herbergszimmer und -bad wohlzufühlen, ehrlich!
Haben deutsche Jugendherbergen eigentlich interne Standards, ein Qualitätsmanagement und –kontrolle? Warum gibt es heute scheinbar keine omnipräsenten Herbergsmütter und –väter mehr - so wie früher? Alles recht interessante Fragen. Aber eigentlich brauche ich die Antworten darauf gar nicht mehr. Für mich ist’s zu spät. Die Kündigung der Mitgliedschaft ist geschrieben. Vielleicht bin ich einen Zacken zu anspruchsvoll, oder einfach nur schon einen Zacken zu wenig restjugendlich. Sei’s drum. :-)
gabull - 14. Aug, 23:09